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"Radfahrer sind dreiste, blinde Analphabeten."
"Radfahrer sind spinnerte, idealistische Weltverbesserer."
"Radfahren ist heutzutage auf unseren Straßen viel zu gefährlich."
Solche und ähnliche Statements hört man immer wieder. Mal aus dem Lager der überzeugten Autofahrer, mal aus dem Munde enttäuschter und resignierter Menschen, die gerne mehr Radfahren würden, sich es aber angesichts der Blechlavinen in der Stadt nicht (mehr) zutrauen.
Daß Radfahren auch sehr viel Freude bereiten kann, das möchte ich hier ein wenig näherbringen. Und damit meine ich nicht das Alltagsradeln zur Arbeit, zum Einkauf oder zur Hochschule. Ich möchte beschreiben, wie Radfahren die Freizeit bereichert und die Lebensqualität erhöht. Ein paar Situationen und Begebenheiten werden beschrieben, die die Lust am Radfahren und an allem, was damit zusammenhängt, deutlichmachen. Und vielleicht bekommt die eine oder der andere von Euch dann auch Appetit auf eine Tour am Wochenende...
Beginnen möchte ich mit einer ganz kleinen, leichten Tour, die auch jeder Ungeübte spontan fahren kann. Es ist Mitte April, das Wetter wird langsam spürbar sonniger und wärmer. Nach einem leicht verregneten Samstag, den man vielleicht mit Faulenzen, Lesen oder einem Besuch bei Freunden verbracht hat, strahlt am nächsten Mittag aus einem klaren, blauen Himmel die Sonntagssonne durch die Fenster. So ein Tag ist zu schade, ihn komplett im Bett oder auch nur in den vier Wänden zu verbringen. Klar, man könnte sich ins Auto setzen, um "ins Grüne" zu fahren, dort drei Schritte spazieren gehen, irgendwo ein Stück Torte einfahren und dann zur Sportschau zuhause sein. Aber wie wär's mit folgender Alternative? In einen kleinen Rucksack oder, wenn vorhanden, in einen Fahrradkorb oder in die Satteltasche packt man ein paar geschmierte Brote, etwas Obst und ein Fläschchen Roten mit zwei passenden Gläsern. Einen Schal und ein paar Handschuhe werden auch noch dazugepackt - auf dem Rückweg könnte es schon kühl sein. Die Fahrräder aus dem Keller geholt, ein paar Tropfen Öl an die von der Winterpause noch trockene Kette geschmiert, und los geht's.
Am Sonntag Mittag sind die Straßen so gut wie autofrei. Der Weg aus der Stadt in die nahe Umgebung ist nicht weit, und bald können wir asphaltierte Feldwege benutzen, auf denen lärmenre und stinkende Autos gar nicht mehr stören können. Wir machen ein kleines Päuschen und wundern uns, wie ruhig und friedlich ein Plätzchen in der Natur sein kann, obwohl es keine Viertelstunde Radfahrweg von Zuhause entfernt ist. Die ersten aus den südlichen Winterquartieren zurückgekehrten Vögel tollen um die Hecken. Ihr Zwitschern ist das einzige, was die Ruhe unterbricht. Wir radeln noch ein Stück weiter. Fahrräder haben den unschätzbaren Vorteil, daß sie auch beim fahren kaum einen Laut machen. Wir hören nur leises Klicken der Schaltung und etwas Windrauschen an den Ohren. Bäume und Sträucher haben sich in ihrem frischesten Grün herausgeputzt. Die tiefstehende Sonne läßt alles in einem golden angehauchten Licht erstrahlen. Fast meint man, das Grün leuchtet von sich heraus. An einem sonnigen Fleck, von dem aus man die Aussicht auf das Tal vor sich genießen kann, machen wir es uns auf einer Bank bequem und verputzen unser mitgebrachtes Picknick. So ein Ausritt in die frische Luft macht hungrig - nicht nur auf Speisen und Getränke. Wieder wundern wir uns. Wie schmackhaft ein einfaches Butterbrot sein kann, wenn es an frischer, unverbrauchter Ftrühlingsluft genossen wird - und dazu ein Glas kühler Rotwein - ein Gedicht!
Den Rückweg leuchtet uns die untergehende Sonne. Immer noch ist die Stadt vergleichsweise ruhig, so daß der friedvolle Eindruck des Nachmittags nicht 3durch lautes Autogebrüll und Abgase verblaßt. Wieder zuhause fassen wir den festen Vorsatz, am nächsten Wochenende noch etwas früher am Tag loszufahren. Den ganzen Tag an der ruhigen, frischen Luft verbringen - ja das ist's!
Der Wetterbericht verspricht für heute Sonne. Der Proviant ist schon seit gestern abend fertig verpackt im Kühlschrank und braucht nur noch schnell in die Packtasche verstaut zu werden. Die passenden Klamotten für einen Tag auf dem Rad liegen auch schon bereit. Der ADFC läd zu einer leichten Tagestour in die Umgebung von Aachen ein. Treffpunkt ist 10 Uhr am Markt vor dem Rathaus - das ist auch für nicht-Frühaufsteher gut zu schaffen. Kurz vor zehn rollen wir über das Kopfsteinpflaster auf Kaiser Karls Denkmal zu, um das sich schon ein Grüppchen Gleichgesinnter versammelt hat. Man begrüßt einander gut gelaunt, ein Reifen bekommt noch etwas mehr Druck, dann läutet der Tourenleiter den Start ein. So eine geführte Tour hat den Vorteil, daß0 man sich nicht selbst um die Route kümmern muß. Man fährt einfach in der Gruppe mit, genießt die Landschaft, unterhält sich, wenn man will, mit dem einen oder anderen Mitfahrer und freut sich über die weitgehend autofrei geführten Wege und Pfade, die der Tourenleiter ausgesucht hat. Über ungenügende Kondition oder rasende Rennradfahrer muß man sich keine Sorgen machen. Bei ADFC-Touren bestimmt der langsamste das Tempo - am Ende von Steigungen wird gewartet, und niemand nörgelt, wenn mal jemand einen Berg raufschiebt.
Gegen Mittag wird eine längere Pause eingelegt. Manchmal gibt es Einkehrmögliichkeiten, für gewöhnlich bringt aber jeder seinen Provienat selber mit. Oft stehen die Touren des ADFC unter einem bestimmten Motto. Mal wird ein spezielles Ziel angefahren - zum Beispiel ein Schloß, das besichtigt werden kann - mal führt der Weg selbst an mehreren Stellen vorbei, die einem Thema zugeordnet sind. Dieses Jahr plant der ADFC mit dem Wind e.V. eine Radtour, die an vielen Wind- und Wassermühlen der Region vorbeiführt. So bekommt man auf leichte Weise auch noch ein Häppchen Kultur mit.
Abends erreicht man wieder Aachener Stadtgebiet, und die Tour klingt an einer Eisdiele oder auf dem Markt aus. Wir haben uns nicht nur ein wenig sportlich betätigt, sondern auch mal so richtig die Seele baumeln lassen. Das Radtourenprogramm "Laufrad" des ADFC läd auch dieses Jahr wieder zu einer Vielzahl solcher und ähnlicher Touren ein. Gegen einen frankierten Rückumschlag schicken wir es gerne zu.
Dieses ist ein arbeitnehmerfreundliches Jahr - zumindest kalendermäßig. Der Mai strotzt nur so vor Feiertagen, die dazu auffordern, zu langen Wochenenden ausgebaut zu werden. Eine Mehrtagestour erfordert etwas mehr planerischen Aufwand als die spontane Tagestour. Je nachdem, welcher Übernachtungskomfort bevorzugt wird, sollte man Hotels und Pensionen vorher mindestens telefonisch reservieren. Bei angepeilten Jugendherbergen und Campingplätzen empfiehlt es sich, telefonisch die Öffnungszeiten zu erfragen. Eine Landkarte im Maßstab 1:50000 bis 1:200000 vom geplanten Reisegebiet sollte ebenfalls eine Weile vor der Tour besorgt werden, damit man die grobe Route schonmal festlegen kann. Letzte Details der Tagesroute werden erst am jeweiligen Vorabend oder beim Frühstück ausbaldowert. Oft schlägt man aber auch einen völlig anderen Weg als den geplanten ein, weil er in natura schöner sind als der auf der Karte ausgesuchte.
Das Zelt ist meine bevorzugte Behausung auf solchen mehrtägigen Touren. Die Flexibilität ist maximal - man muß morgens nicht unbedingt genau wissen, wo man abends übernachtet. Der Planungsaufwand erschöpft sich mit dem Blick auf die Karte - Campingplätze sind (vor allem in Belgien und in den Niederlanden) normalerweise dicht genug gesäht, um abends sicher einen offenen anfahren zu können. Zur Not tut's auch die Wiese eines freundlichen Landwirts. Wer schon einmal in einer klaren Augustnacht Arm in Arm mit seinem Partner aus dem Zelt heraus Sternschnuppen beobachtet hat, weiß, das es nichts schöneres geben kann. Selbst ein nächtliches Gewitter wird im Zelt zum unvergeßlichen Erlebnis. So nah an den Elementen zu sein, daß einem selbst im warmen, trockenen Schlafsack eine Gänsehaut wächst, vor Ehrfurcht vor den Naturgewalten - das sind Erfahrungen, die wir als "zivilisierte" Menschen kaum mehr machen.
Ob man in einer Gruppe, zu zweit oder auch allein fahren möchte, hängt von jedem selbst und von der Situation ab. Die Gruppe bietet Gesprächspartner, Gelegenheit zum abendlichen geselligen Beisammensein und zu Aktionen, die eben nur mit mehreren gemeinsam zu machen sind (Spiele, Diskussionen, Gruppenerlebnisse, etc.). Seinem Partner kommt man (wieder) sehr nahe, wenn man sich ein paar Tage zu zweit radelnd den Weg durch die Landschaft bahnt. Zelten zu zweit ist ohnehin unschlagbar. Um sich selbst wieder zu finden, seine Gedanken zu sortieren und zu zentrieren, sein Hirn mal richtig zu durchlüften, dazu eignen sich ein paar Tage Radtour allein ideal. Ob mitten in der Abschlußarbeit, in der Beziehungskrise oder im größten Streß im Job - es gibt kaum bessere Gelegenheiten, so gründlich Abzuschalten und frei nachzudenken, wie eine allein gefahrene Radtour. Man muß auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen, Strecke und Richtung kann man nach der eigenen Nase und kurzfristig festlegen - der Kopf ist völlig frei für Gedankenflüge.
Aachen liegt als Startpunkt für Mehrtagestouren eigentlich ideal, so daß man nicht erst mit dem Auto oder der Bahn ein Gebiet anfahren muß, um dann dort zu radeln. Man kann direkt von der eigenen Haustüre aus losfahren. Der Deutsch-Belgische Naturpark ist ein wunderbares Radfahr-Eldorado. Zwar mit einigen Steigungen gewürzt bietet sich hier dem Radwanderer eine sehr reizvolle Landschaft. Weniger bergig geht es in den Niederlanden zu. Auch hier gibt es eine Fülle ausgezeichneter Radrouten, die Aachen als Startpunkt ermöglichen. Die Maas bietet in ihrem Umfeld z.B. hervorragende Radfahrbedingungen.
Eine wunderbare Tour führt über die Brunssumer Heide, an Sittard und Masseik vorbei nach Roermond. Wer möchte, setzt sich nach einer Besichtigung der Innenstadt in Roermond in den Zug und fährt (mit einmal Umsteigen in Heerlen) nach Hause zurück. Eine Alternative mit dem Rad führt westlich der Maas an den Zuid-Willemsvaart, einen Kanal, dem man bis Maastricht folgen kann. Zahlreiche kleine Campingplätze laden an der Strecke zum Verweilen ein. Es empfiehlt sich ein Campingführer des ANWB bzw. des Belgischen Fremdenverkehrsvereins, in denen alle Plätze mit Öffnungszeiten und Preisen verzeichnet sind.
Ich möchte hier jetzt keine komplett ausgearbeitete Tourenbeschreibung einer Mehrtagesreise liefern - das würde zu weit führen. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann sich gerne mit seinen Fragen an mich oder an einen der ADFC-Tourenleiter wenden. In der Geschäftsstelle des ADFC befindet sich eine umfangreiche Bibliothek, in der Karten, Bücher und Zeitschriften eingesehen werden können. Teilweise werden dort auch Karten und Bücher zum Kauf angeboten. Auf dem Rechner des ADFC ist eine Radtouristik-Datenbank zugänglich, in der Verweise auf Radreise-Artikel nach Stichworten gesucht werden können. Die meisten der dort erfaßten Artikel befinden sich in Zeitschriften im ADFC-Archiv.
| [ Letzte Änderung am 12.10.2002 | Inhalt & Gestaltung © Robert Hecht ] |