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Dies ist nicht etwa ein Reisebericht über eine Tour entlang des Regen oder zu der gleichnamigen Stadt, in deren Nähe der Regen entspringt. Der Titel spiegelt vielmehr die meteorologischen Gegebenheiten während meiner Radtour von Aachen nach Fehmarn wieder.
Fehmarn ist eine Insel in der Ostsee, die eine Brücke über den Fehmarn-Sund mit dem deutschen Festland verbindet. Sie liegt etwa 100 km nördlich von Lübeck. Ich wurde durch einen Freund auf sie aufmerksam, der mir in den höchsten Tönen von dem Eiland vorschwärmte. Das Vogelschutzgebiet sei sehr sehenswert, gleich daneben soll es einen kleinen Campingplatz geben und zwei gute Restaurants nannte er mir auch. Der wichtigste Grund aber, mich für dieses Urlaubsziel zu entscheiden, war, daß Fehmarn laut Statistik mit Abstand die meisten Sonnentage in Deutschland zu verbuchen hat. Das gab den Ausschlag, mit dem Rad dem trüben, nassen Aachener Wetter zu entfliehen und nach Fehmarn zu radeln. Geplant war etwa eine Woche Anreise und eine weitere zum erholen und die Insel zu erkunden.
Start war Freitag Abend (16.7.93) gegen 19 Uhr. Kleidung, Kocher, Bücher und Zelt waren wasserdicht verpackt, und das erste Etappenziel war Köln. Dort wollte ich bei meiner Tante zwei Tage übernachten und ein paar Freunde in meiner alten Heimatstadt besuchen. Die Fahrt in die Domstadt verlief ohne Zwischenfälle, wenn man mal von der halbstündigen Regenpause in Düren absieht. Hier war ein Bushäuschen sehr willkommen! Ich benutzte Bundesstraßen, denn es war schließlich schon spät, und ich wollte noch am selben Tag ankommen. Die ersten 88 km waren also geschafft.
Am Sonntag fuhr ich bei strahlendem Sonnenschein weiter ins Bergische Land nach Kürten (etwa dreißig Kilometer), um meine Mutter zu besuchen. So ein Wetterchen hätte ich mir für die gesamte Tour gewünscht - aber es sollte anders kommen.
Mit leckerer Hausmannskost gestärkt führte mich mein Weg jetzt achzig Kilometer weit nach Dortmund, wo ein Freund von mir Maschinenbau studiert (ja das kann man auch außerhalb von Aachen!) und mir für eine Nacht Quartier gewährte. Trotzdem ich Wuppertal weiträumig mied, blieben mir die gefürchteten Steigungen zwischen Köln und Dortmund nicht erspart. Das Bergische Land heißt eben nicht umsonst so. Glücklicherweise hatte ich mich zeitig auf den Weg gemacht und mich ein wenig beeilt, sodaß mich heute nur ein Guß bremste. Diesmal wartete ich das Wasser unter dem Vordach einer Tankstelle ab - weniger gemütlich! Als wir mein Gepäck in der Wohnung und das Rad im Keller untergebracht hatten, fing es in Dortmund auch schon an zu schütten. Das war knapp.
Tags darauf machten wir gemeinsam einen kleinen Abstecher in die Innenstadt, anschließend führte mich mein Kumpel (er leitet beim ADFC Dortmund öfter Radtouren) über angenehm zu fahrende Wege aus Dortmund heraus zu der Landstraße, die mich weiter Richtung Nordosten leitete. Auch heute ließ sich die Sonne nicht ein einziges Mal blicken. Stattdessen schickte Petrus zwei Gewitterfronten, die mich alles in allem eine Stunde kosteten. Zwischen Sassenberg und Versmold (in der Nähe von Warendorf) schlug ich dann erstmals mein Zelt auf. Nach der ausgiebigen Dusche wurde der Kocher ausgepackt und unter dem schützenden Vorzelt (es hatte inzwischen angefangen zu regnen) wurde ein Süppchen gewärmt. Ein anschließender Blick auf die Karte sagte mir, daß ich die nächsten Tage etwas früher losfahren sollte, wenn ich die sieben bis acht Anreisetage einhalten wollte. Nachts ließen mich das beruhigende Prasseln der Tropfen auf der Zeltplane und die geradelten hundert Kilometer schnell und tief schlafen.
Vom aufwachen bis zum auf-dem-Sattel-sitzen spielte sich eine Zeitspanne von etwas mehr als einer Stunde ein. So trat ich am Morgen schon um halb acht wieder in die Pedale. Heute erwartete mich der schwerste Tag meiner Reise. Den Teutoburger Wald und das Wiehengebirge galt es zu überqueren, und der Wettergott stellte meinen Humor auf eine harte Probe. Auf den knapp hundertsechzig Kilometern des heutgen Tages mußte ich mich sechs mal unterstellen. Erfreulicherweise war immer nach den ersten drei Tropfen eine Scheune, ein Bushäuschen oder eine offene Garage in Sicht. Einen Schauer (ich glaube es war der fünfte) entschloß ich mich zu durchfahren. Das brachte mir eine nasse Hose und etwas Erfrischung ein aber es machte keinen besonderen Spaß, weshalb ich mich während der weiteren wieder unterstellte.
Man sollte sich übrigens nicht scheuen, als Fahrradreisender auf private Grundstücke zu fahren und sich dort für die Dauer eines Schauers unterzustellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man sehr freundlich (wenn auch manchmal etwas ungläubig) empfangen wird. Meistens hört man Kommentare wie "Der Wagen / der Trecker kann den Regen besser ab als Sie" oder "Von wo sind Sie denn ... Wie? So weit?". Die letzte Reaktion ist wahrscheinlich unter Reiseradlern nicht unbekannt.
Kurz vor dem achten heftigen Wassersegen baute ich in Wietzen (nordwestlich von Nienburg a.d. Weser) auf einem winzigen Ferienhof/Campingplatz mein Zelt auf. Als es aufhörte, gelang es mir gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluß im Dorf einzukaufen. Der Schlaf war auch in dieser Nacht vom Trommeln der Tropfen begleitet. Gut, ein dichtes Zelt und einen warmen Schlafsack um sich zu haben.
Der Donnerstag sollte (zumindest was das Radfahren betrifft) trocken bleiben. Ich ließ Bremen links liegen und fuhr durch die Lüneburger Heide Richtung Hamburg. Wenn mich nicht die Hoffnung auf besseres Seeklima nach Norden getrieben hätte, wäre ich wohl noch ein bis zwei Tage in diesem Naturschutzgebiet geblieben. Die Heide ist sicher eine Reise für sich wert. So aber trieb ich mein Velo 150 km weit bis kurz hinter Winsen (a.d. Luhe) nach Drage an die Elbe. Hier rastete ich auf einem zwar recht großen aber keinesfalls ungemütlichen Campingplatz, der überdies auch noch preiswert (8,-DM incl. Duschen) war und direkt am ehemaligen deutsch-deutschen Grenzfluß lag. Der abendliche Spaziergang am Ufer wurde natürlich von einem Schauer begleitet (Petrus ließ es sich nicht nehmen). Aber wen kümmert das?
Jetzt folgt die letzte und gleichzeitig längste Etappe meiner Radtour. Um viertel nach sechs saß ich auf dem Sattel. Ein wenig Berufsverkehr im Einzugsgebiet von Hamburg ließ sich nicht vermeiden, aber am Möllner See wurde in der Sonne (jawohl! Sonne!) gefrühstückt. Es ist ja eine Kleinstadt wie tausend andere auch, aber ich hatte trotzdem ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend (und es war nicht nur Hunger), als ich am Ortsschild Mölln vorbeifuhr. Und wie man seine Imbißbude weiter "Möllner Grill" nennen kann, ist mir völlig schleierhaft.
Den Ratzeburger See umfuhr ich auf der Ostseite, die teilweise früher zur DDR gehörte. Hier ist das Ufer hoch über den See und die gegenüberliegende Stadt erhoben, und man hat einen herrlichen überblick über beides. Leider ist die Straße um den See hier noch in der Fertigstellung. Aber wer hat schon mal sein vollbepacktes Reiserad über einen meterhohen Sandhaufen getragen? Hinter Ratzeburg verzog sich die Sonne leider wieder hinter dicken Wolken, die aber diesmal oben blieben. Eigentlich hatte ich mir bei der Anfahrt auf die Hansestadt Lübeck vorgenommen, das Holstentor zu besichtigen und zumindest ein kleines Stück Lübecker Marzipan zu naschen. Aber als ich in der Großstadt war und den Verkehr und Gestank warnahm, machte ich mich auf dem schnellsten Wege wieder aus dem Staub. Wenn man ein paar Tage über Land gefahren ist, merkt man erst, wie sehr einem der Verkehr in der Stadt zusetzt.
Nach ungefähr hundertzwanzig Kilometern hatte ich das mir streckenmäßig gesetzte Soll des Tages erfüllt. In der Nähe von Timmendorfer Strand wollte ich mir an der Ostsee einen Platz zum Campen suchen. Die total snobistische und abgefahrene Gegend dort schreckte mich allerdings so ab, daß ich weiterfuhr. Es wurde mir klar, daß ich es vielleicht sogar noch am selben Tag bis zur Insel schaffen könnte, denn es war erst kurz nach Mittag. Also machte ich kurz Pause, um zwei Dank der Benutzung sogenannter Radwege gebrochene Speichen zu ersetzen und radelte weiter nach Norden.
Gegen 17 Uhr rollte ich dann tatsächlich über die monströse Fehmarn-Sund-Brücke auf die Insel. Der Tip meines Freundes führte mich nach Westen in Richtung des Naturschutzgebietes "Wallnau". Ich glaubte den genannten Campingplatz anzusteuern, doch als ich in die Einfahrt einbog war mir sofort klar, daß er es nicht war. Die Insel zeigte sich überdies gar nicht beeindruckt von irgendwelchen Statistiken, denn es fing mal wieder an zu regnen. Aus diesem und 188 weiteren Gründen, die heute hinter mir lagen, biß ich in den sauren Apfel und mietete für zwei Tage eine Parzelle auf dieser "Urlaubsfabrik". Hier mußte ich zum ersten Mal mein Zelt bei Regen aufbauen. Das war auch eine neue Erfahrung. Innen blieb alles trocken.
Am nächsten Morgen ließ der Regen nach und ich machte mich so früh wie möglich (ohne Gepäck) auf die Suche nach einem schöneren Zeltplatz für den Rest meines Urlaubs. Als ich die ersten Meter gefahren war, setzte sich unser Stern endlich gegen das kondensierte Wasser in der Atmosphäre durch und es wurde ein richtiger Sommertag. An der Grenze des Wasservogel-Schutzgebietes vorbei führen Feld- und Fußwege, von denen man schon ein wenig dessen erahnen kann, was den Besucher des Naturparks erwartet. Auf einem Feld sah ich eine Anzahl Graureiher stehen und verschiedene Schwalbenarten schwirrten nahe an mir vorbei. Direkt neben mir schreckten zwei Rehe auf und sprangen mit hohen Sätzen durch das nicht bewirtschaftete Feld davon. Scheinbar war ich heute Morgen der erste, der diesen Weg entlangging. Einen kleinen Campingplatz fand ich auch - vielleicht war es sogar der, den mir mein Freund empfohlen hatte.
Den ganzen Rest des Tages verbrachte ich im Naturschutzgebiet. Als ich sah, was die Zivildienstleistenden hier für Aufgaben haben, bekam ich gleich Lust, noch einmal Zivi zu sein. Einer von ihnen leitete die Führung durch den Park. Hier gibt es sogenannte "Hides" (aus dem Englischen: Versteck). Das sind Holzverschläge, in denen man sich von den Vögeln unbemerkt aufhalten kann und sie durch schmale waagerechte Schlitze beobachtet. Für eine Mark gibt es gute Ferngläser zu leihen und jeder Hobbyfotograf kommt auf seine Kosten. Obwohl die Hauptreisezeiten der Vögel im April und im September/Oktober sind (Fehmarn ist ein wichtiger Rastplatz auf der Vogelfluglinie von Sibirien über Dänemark in den Süden), kann man auch im Hochsommer hier jede Menge Tiere beobachten. Einige Vögel nutzen das geschützte Gebiet natürlich als Brutplatz. Es ist erstaunlich, wie gut die Natur für die Tranung der brütenden Eltern sorgt. Ein paar Meter von einem Verschlag entfernt saß ein Goldregenpfeifer zwischen den Steinen auf seinem Nachwuchs. Wenn der Zivi uns nicht haarklein beschrieben hätte, wo wir ihn suchen sollten, hätte keiner von uns das Gelege mit der Mutter entdeckt. Der Besuch in Wallnau war das schönste Erlebnis während der zehn Tage, die ich unterwegs war.
Zehn Tage? Sollten es nicht zwei Wochen werden? Tja, am Sonntagmorgen weckte mich leider wieder ein Wolkenbruch. Die Kraft der Sonne hatte nur für einen Tag gereicht. Unter diesen Umständen verging mir die Lust, mit Zelt noch einmal umzuziehen. Ich packte meine Sachen und machte mich auf den Weg nach Puttgarden. Dieser Ort liegt am Nordufer der Insel. Von hier aus pendeln Fähren nach Rödby in Dänemark. Einen Moment lang überlegte ich, den sehr günstigen Tarif für Radfahrer warzunehmen, nach Lolland überzusetzen und in Dänemark mein Glück zu versuchen. Aber ein Blick nach Norden (die Sicht war gut und man konnte das gegenüberliegende Festland sehen) sagte mir, daß dort das Wetter nicht anders war als hier. So blieb mir nur der Weg zum Bahnhof. Mein Zug fuhr allerdings erst um 0:05 Uhr in der Nacht. Dafür handelte es sich um den Kopenhagen-Paris-Express, eine durchgehende Verbindung mit Gepäckwagen bis nach Aachen.
Ich hatte also noch mehr als einen halben Tag Zeit. Der totale Touristennepp-Ort Burg (der größte Ort auf der Insel) reizte mich weniger. Besonders groß ist die Insel nicht - an einem Tag kann man in jedem Dorf einmal gewesen sein. Also landete ich abends (nach dem gestrigen Abendessen und dem heutigen Frühstück zum dritten Mal) im wahrscheinlich besten Restaurant/Cafe der Insel. In einer alten umgebauten Scheune bieten Hein und Bea in angenehmer Atmosphäre vegetarische Vollwertkost zu vernünftigen Preisen an. Vom selbstgebackenen Brot über hausgemachte Marmelade, Inselrapshonig, Käse aus eigener Produktion bis zu freilaufenden Inseleiern reichte zum Beispiel das Angebot zum Frühstück. Ich ließ mir noch zwei (wie sich herausstellte delikate) Stücke Kirschstreuselkuchen einpacken und machte mich wieder auf den Weg.
An der Nordseite der Insel gibt es ebenfalls ein Naturschutzgebiet. Hier schiebt einer der Zivis abends in einem umgebauten Bauwagen Wache, damit keine Hunde frei herumlaufen bzw. Reiter den brütenden Vögeln nicht zu nahe kommen. Ein oder zwei Stunden schaute ich hier den Tieren bei der abendlichen Nahrungssuche zu und machte ein paar Fotos vom Sonnenuntergang, bevor ich mich zum Bahnhof begab, um auf den Zug zu warten. Dieser brachte mich pünktlich um 6:30 Uhr nach Aachen und um sieben Uhr war Montag früh die Reise zu Ende. Auf Fehmarn hätte ich es durchaus noch länger aushalten können. Aber die Statistik (s.o.) hatte wohl nicht nur mich geblufft. Auf der ganzen Insel gab es kein einziges freies Gästezimmer mehr und selbst die Campingplätze waren alle fast ausgebucht. Und wer mal für drei bis vier Wochen im voraus gezahlt hat, der sitzt seine Zeit natürlich auch im Regen ab. Ohne mich.
Abschließend möchte ich aber allen Lesern Mut machen, auch bei weniger guten Witterungsverhältnissen eine Radreise nicht gleich ins Wasser fallen zu lassen. Das Durchhalten hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Sicher wären mir zwei Wochen Sonnenschein auch lieber gewesen. Aber auch unter diesen Umständen war die Reise ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Und immer noch besser etwas Regen auf der Fahrt als Sintflut in Aachen, oder?
| [ Letzte Änderung am 12.10.2002 | Inhalt & Gestaltung © Robert Hecht ] |