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Nachdem 2004 das nasse Wetter im Sommer meine geplante Ijsselmeerumrundung mit dem Rad verhindert hatte, versuchte Petrus es in diesem Jahr aufs Neue! An Christi Himmelfahrt sollte meine Tour beginnen, doch die Wassermassen, die aus dunklen Wolken den ganzen Tag und auch den darauffolgenden Freitag die Luft über Aachen und entlang der Maas erfüllten, luden eher zum Beginn des Winterschlafs ein denn zum Starten einer längeren Radtour. Samstag blieb es dann eine Weile trocken - diese Lücke in Petrus' Vereitelungskampagne nutzte ich zum Losfahren.
Das erste Teilstück meiner Reise verlief auf mehr oder weniger bekannten Wegen. Wer in Aachens Umgebung häufiger Fahrrad fährt, der kennt die schönen Strecken im Mergelland zwischen der Grenze zu den Niederlanden und der Maas. Leicht hügelig, vorbei an Feldern und alten Natursteingemauerten Landgütern kann man von Autoverkehr beinahe völlig unbehelligt in Ruhe radeln.
Ein paar Regenschauer und 100km lagen hinter mir, als ich von der Maasbrücke aus die Mündung der Rur in die Maas erreichte. Diese Vereinigung der beiden Flüsse gibt der Stadt Roermond ihren Namen.
Hier schlug ich auf einer Insel in der Maas das erste Mal mein Zelt auf.
Am anderen Morgen überquerte ich die Maas über eine der großen Brücken in Roermond und warf im Vorbeifahren einen Blick auf den Rathausturm.
Anschließend freute ich mich über die vorübergehenden Löcher in den Wolken. Ab und zu blinzelte die Sonne zu mir hinunter. Die Radwege entlang der Maas sind prima gekennzeichnet. Ohnehin kann man sich entlang eines Flusses schwerlich verfransen. Doch die Niederländer verstehen es auch, den Radfahrern nicht nur angenehme, schnelle sondern auch landschaftlich abwechslungsreiche Strecken auszuschildern. Selbst in Venlo findet man Dank der hervorragenden und lückenlosen Radwegausschilderung völlig problemlos den Weg. Mehrfach wechselt der Radweg entlang der Maas das Ufer und man quert den Fluss unkompliziert für ein par Cent mit einer Fähre.
In der Höhe von Wanssum verlies meine Route die Maas in Richtung Goch. Quer durch einige zum Radfahren sehr schön geeignete (weil flache) Gegenden des Niederrhein hielt ich auf Kalkar zu. Der dort stehende ehemalige "Schnelle Brüter" wurde vor einigen Jahren von einem Niederländer aufgekauft und in einen Freizeit-Erlebnis-Park umgestaltet. Auch die äußere Gestaltung des ehemaligen Kühlturms weist darauf hin, dass das einzig radioaktive hier die Ü-Wagen des WDR sind, die ab und zu von hier berichten.
Auch hier rollte ich mit meinem Rad wieder auf eine Fähre - diese trug mich von Grieth über den Alten Vater Rhein nach Grietherort. Hier liegt nahe dem Rheinufer ein sehr gemütlicher Campingplatz mit mehreren großen Wiesen für Radfahrer und Tagescamper. Die Wirtsleute dort sind sehr nett und das Schild "Radfahrer willkommen" an der Einfahrt kann man beruhigt wörtlich nehmen.
Tags darauf führten die ersten Meter durch eine alte Pappelallee. Hier wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass sich mein Heuschnupfen auf der Fahrt noch gar nicht gemeldet hatte. Kein Wunder - bei der Luftfeuchtigkeit... So hat kühles und regnerisches Wetter im Frühjahr auch sein Gutes.
Weiter Richtung Norden kämpfte ich an diesem Tag besonders gegen den Wind. Vorbei an Emmerich überquerte ich wieder die Grenze zu den Niederlanden. Etwa ab der Höhe von Zutphen hatte ich wieder einen Fluss als Wegbegleiter - diesmal die Ijssel. In Eefde, nördlich von Zutphen, hatte ich Gelegenheit, einen Schleusengang am Twentekanaal ganz aus der Nähe zu betrachten. Eine willkommene Pause im Widerstreit mit dem Gegenwind.
Mein Tagesziel war heute "De Wieden" - ein östlich an das Ijsselmeer angrenzendes Seengeflecht und Naturschutzgebiet nördlich von Zwolle. Hier kann man bei schönem Wetter wunderbar durch die Kanäle entlang der Reetgrasfelder paddeln. Es leben und brüten hier mindestens fünfundzwanzig Vogelarten. Für Kanuten ein Muss! Doch bevor ich mich dort an einem See einquartieren konnte, hieß es erstmal: ankommen.
Diese Etappe war eine der anstrengendsten auf meiner Tour. Nicht nur wegen der Länge (140km) sondern eben auch wegen des nicht aufhörenden, ordentlichen Gegenwindes. Kurz vor Zwolle zog vor meiner Nase ein heftiges Regengebiet über's Land. Eine Weile sah es so aus, als müsste ich da mitten durch fahren. Doch die Wolken waren glücklicherweise schneller. So hatte ich "nur" mit dem Wind zu tun, der mich ein paarmal vom Deich pusten wollte.
In Zwolle passierte ich ein Gewerbegebiet mit einigen - naja - sagen wir mal außergewöhnlichen Gebäuden. Was sich der Architekt bei Planung dieser Fassade wohl gedacht hat? Vielleicht war das Gebäude von einem Mineralölkonzern in Auftrag gegeben worden. Die schillernden Farben - besonders intensiv in der nachmittags schon tief stehenden Sonne - erinnerten mich etwas an das Farbenspiel eines Ölfilms auf einer Pfütze.
Von Zwolle aus schlossen sich gen Norden die letzten 15 Kilometer dieser Etappe an. In Belt Schutsloot war ich mit vielleicht drei weiteren Campern beinahe der einzige Gast und zumindest wirklich der einzige mit Zelt. So konnte ich mir ein schönes Plätzchen auf einer Wiese direkt am See aussuchen. Aus dem Zelt hatte ich den Blick an einem Bootsanleger vorbei direkt auf einen der Seen. An den letzten drei Tagen war ich bei grenzwertigem Wetter insgesamt 360km weit gekommen. Jetzt gönnte ich mir hier in aller Ruhe einen Tag Auszeit.
Nun hatte ich durch die um zwei Tage verschobene Abfahrt und den Tag Pause bereits drei Tage meiner ursprünglichen Planung eingebüßt. Das Wetter war noch immer recht ungemütlich, windig, kühl. Und ich hatte ein Ziel noch nicht aufgegeben: Ich wollte mich mit Freunden zu Pfingsten in Plön zum Paddeln treffen. So blieb mir nichts anderes übrig, als die Umrundung des Ijsselmeers erneut zu vertagen und den direkten Weg Richtung Nordosten einzuschlagen. Entlang des Kanals Drentse Hoofdvaart durchquerte ich Assen. Als sich in Veendam ein in beiden Karten eingezeichneter Campingplatz als bereits seit vier Jahren nicht mehr existent herausstellte, musste ich nochmal in die Konditionssteilkurve und bis Nieuweschans direkt an der Grenze zu Deutschland durchhalten.
Das Frühstück konnte ich an diesem Tag schon wieder in Deutschland einkaufen. Mit diesem letzten Grenzübertritt lies ich die Niederlande für diese Reise hinter mir. Das Lengener Moor durchquerte ich auf einem schönen Radweg entlang des Augustfehner Kanals. Am frühen Nachmittag erreichte ich den Jadebusen bei Dangast und schlug mein Zelt in Sichtweite des Niedersächsischen Wattenmeeres auf. Bei den selbst abends noch herrschenden orkanartigen Böen gestaltete sich das Aufbauen des Zeltes mehr als Versuch, einen Drachen nicht steigen zu lassen. An diesem Abend gönnte ich mir zur Abwechslung mal einen Restaurantbesuch mit Blick auf den Sonnenuntergang am Strand.
Die deutschen Seebäder verlangen alle eine Kurtaxe, wenn man einen Fuß auf die Dühnen oder an den Strand setzen möchte. Beim ersten Mal wundert man sich noch über den Aufschlag, spätestens am dritten Abend ist das in Routine übergegangen. Hier ist es auch Sitte, den Strand mit Körben vollzustellen. Was einem da durch den Kopf geht... Zwei Strandkörbchen ergeben ein Bikini-Oberteil... Naja, 'tschuldigung, Schenkelklopfer, den lassen wir morgen weg. =;)
Habe ich schon von meiner altbewährten Methode des Frühstückens auf Radreisen geschrieben? Wenn ich allein fahre, sehe ich morgens zu, dass ich nach dem Wachwerden - zwar ohne Hektik aber doch zügig - meine Sachen packe und losfahre. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wird dann eine Bäckerei "überfallen" und anschließend suche ich mir draußen ein schönes Plätzchen zum Frühstücken. An diesem Morgen "erbeutete" ich in Varel unter anderem ein vorzügliches Mohnteilchen, das mir am historischen Hafen von Varel mit Aussicht auf den Jadebusen das Frühstück versüßte.
Der Radweg entlang der Küste - hoppelnderweise auf den Betonplatten hinter'm Deich geführt - war ab und zu mit Schafen versperrt. Die Tiere sind sowas von stur - da kann sich mancher Esel noch eine Scheibe von abschneiden! Ich habe beinahe meine alte Laufschelle aus den wilden "Rüpelradlerzeiten" vermisst. Nicht vermisst habe ich ab jetzt den Gegenwind! Meine Route führte nun relativ stracks gen Osten, was in der Westwindzone, in der wir uns hier in Europa geografisch befinden, bedeutet - na? Genau: Rückenwind! Wo wir gerade beim Thema vermissen sind: Die auf meiner nagelneuen Karte noch verzeichnete Fähre bei Kleinensiel über die Weser sucht man seit vier Jahren vergeblich. Das verriet mir der freundliche Betreiber eines kleinen, in einer ehemaligen Tankstelle untergebrachten Fahrradmuseums an der B212. So musste ich also noch ein Stück an der Weser entlang nach Norden bis Bremerhaven pedalieren, um dort mit der Fähre überzusetzen.
Den Lenker wieder nordöstlich ausrichtend düste ich den restlichen Tag über plattes Land. Mein Etappenziel war heute Wingst am Silberberg in der Nähe von Hemmoor. Es war inzwischen der Freitag von Pfingsten. Das Wetter schien sich zu erholen, Petrus erinnerte sich offenbar langsam daran, was "Sommer" eigentlich bedeutet. Die ersten längeren warmen Sonnenscheinphasen machten diesen Fahrradtag zum Genuss. In der Rezeption des Campingplatzes wurde ich trotzdem abends mit den Worten begrüßt "Ein Reiseradler - das hatte ich heute auch noch nicht!". Offenbar waren erstmal die ganzen Carawan Fahrer aus ihren Löchern gekrabbelt. Der Platz füllte sich abends ganz ordentlich.
Pfingstsamstag. Heute war ich mit Freunden in Malente bei Plön an der dortigen Seenplatte verabredet. Wir wollten gemeinsam einen Tag im Kanadier auf dem Wasser verbringen. Von Wingst bis zur Elbfähre in Glückstadt war es nur ein Katzensprung von ca. 25 km. Sowas macht unsereiner ja mal eben in 'nem Stündchen vor dem Frühstück.
Nach der Überfahrt fing der Himmel schon wieder an sich zuzuziehen. Nimmt das denn gar kein Ende? Ein schneller Blick auf die Landkarte verrät: Bei Westerhorn kreuzt meine Route eine Bahnlinie, die über Kellinghusen und Neumünster nach Kiel führt - also genau in meine Richtung. Als es dann passend ein paar Kilometer vor dem Bahnhof wieder zu regnen beginnt, beschließe ich, die ca. 40km bis Neumünster mit der Bahn zu fahren. Ab Neumünster war es zunächst wieder trocken. Südlich am Bornhöveder See vorbei erreichte ich am Nachmittag in strömendem Regen Ascheberg. In einem Bushäuschen wartete ich den kräftigsten Guss ab. Jetzt ist es nicht mehr weit bis Malente. Die Gegend wird hügelig. Nach 80 teilweise verregneten Kilometern wird jede Steigung zur Herausforderung. Auf dem Campingplatz in Malente hatten meine Freunde mich bereits angekündigt. Pünktlich zum Abendessen - der Grill war bereits auf Betriebstemperatur - schlug ich schnell mein Zelt neben den anderen am Ufer der Schwentine auf und gesellte mich dazu.
Pfingstsonntag stand im Zeichen des Wassers. Wir paddelten von Malente aus über den Keller See in südlicher Richtung, passierten bei Fissau eine enge Durchfahrt mit ein paar Metern Umtragedistanz und erreichten Eutin vom Wasser her. Die Boote ließen wir neben der Anlegestelle am Ufer und trabten in die Stadt.
Das Eutiner Schloss ist sehenswert - vor allem bei königlichem Sonnenschein, wie wir ihn an dem Tag genießen durften. Auf dem Marktplatz ließen wir uns ein Stück Nusskuchen und einen Cappuccino schmecken, bevor es gegen den Wind wieder auf den Rückweg ging. Das Seengebiet im Plön hat den besonderen Charme als Naturschutzgebiet völlig motorbootfrei zu sein. Insgesamt war das ein sehr schöner Tag!
Am Morgen des Pfingstmontags packten meine Freunde all ihr Gepäck wieder in die Boote, um zum Standort ihrer Autos zurückzupaddeln. Die Wagen hatten sie vor drei Tagen an einem Campingplatz in Plön stehenlassen. Ich dagegen sattelte wieder meinen Drahtesel und machte mich auf in Richtung Timmendorfer Strand. In Priwall kann man - wieder mittels einer Fähre - die Trave überqueren, die hier in die Lübecker Bucht mündet. Allerdings muss man selbst als Radler die richtige Fähre finden - die kleinere von beiden befördert nur Fußgänger.
Mit der Trave lässt man auch die ehemalige deutsch-deutsche Grenze hinter sich. Das erste Stück "Internationalen Ostseeradweges" muss man sich auf der Felge zergehen lassen. Hier liegen noch die alten Grenzweg Befestigungen in Form von perforierten Betonplatten. Die Perforation bedeutet alle 20 Zentimeter eine handtellergroße Aussparung. Dieser Belag fährt sich mit dem Fahrrad nur unwesentlich besser als verlegte Eisenbahnschwellen zwischen zwei Schienen. Mit anderen Worten: Man stellt hier Mensch und Material auf eine harte Probe. Die Bundesstraßen sind in dieser Gegend angenehm gering befahren. So bin ich häufig dem ausgeschilderten Radweg ausgewichen.
Kurz vor Wismar quartierte ich mich in einem schönen Campingplatz direkt am Wohlenberger Wiek ein. Als ich gerade das Zelt aufgebaut und mein Gepäck darin verstaut hatte, fing es an zu gießen. Perfektes Timing! Bei prasselndem Regenkonzert köchelte ich mir im Vorzelt eine Portion Nudeln. Nach dem Essen war der Guss vorüber und ich konnte noch einen schönen Strandspaziergang machen. Auch hier hatte ich das Ufer kilometerweit für mich. Die Touries trudeln offenbar erst in den Ferien ein.
Heute begann ich den Tag mit einer Besichtigung der Hansestadt Wismar. Gleich im Zentrum und in der Nähe des Hafens steht die im 14.Jh. errichtete Nikolaikirche, in deren Schatten ich mein Frühstück heute einnahm. Der heilige Nikolaus, dem die Kirche ihren Namen verdankt, ist der Schutzpatron der Reisenden. Na, wenn das kein gutes Zeichen ist!
Von Wismar aus hielt ich mich immer an der Ostseeküste. In Rerik pausierte ich auf der neuen Uferpromenade in einem Eiscafe mit Blick auf den Hafen und auf das dahinterliegende Salzhaff. Ein Gewitter über der Ostsee lies sich von einem Abstecher auf einen Höhenzug kurz vor dem Ostseebad Kühlungsborn gut beobachten. Dort lockte außerdem die Besichtigung eines Leuchtturms.
Vom Leuchtturm aus ging es bergab wieder an die Küste. Eine der längsten zusmmenhängenden Küstenpromenaden findet man zwischen Kühlungsborn und Heiligendamm. Hier kann man kilometerlang an der Küste entlang schlendern und ab und zu einen Ausflug auf die Brücken ins Wasser machen.
Ca. eine halbe Stunde vor der nächsten Hansestadt Rostock war der Campingplatz Börgerende an diesem Abend mein Quartier. In der Nacht waren Ohropax angesagt, denn gleich neben der Zeltwiese lag ein Teich mit einem Rudel lauthals quakender Frösche. Die machten auch nach Sonnenuntergang nicht Schluss.
Die Küste ist hier zum Teil schroffes Abbruch-Ufer mit steilen Sandbrüchen an deren Kante man nah vorbeifährt. Die Ausblicke hier sind spektakulär - nichts für Leute mit Höhenangst!
Zum Teil verläuft hier der Radweg auch nahe der Küste im Wald - hier bietet sich dem Radler morgens eine ganz zauberhafte Lichtstimmung.
In Warnemünde bot sich heute der Leuchtturm am Hafen als Kulisse für das Frühstück an.
Die Besichtigung von Rostock schenkte ich mir - mir war nicht nach Großstadt. Ich genoss die immer ruhiger werdende Küste in Richtung Darß. Am Rande des Ostseebades Prerow im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft campte ich auf dem mit Abstand teuersten Platz meiner Reise - dafür aber mitten in den Dünen nur ein paar Schritte vom Strand entfernt. Die Moskitos, die mich auf der bisherigen Fahrt beinahe ganz in Ruhe gelassen hatten, hielten hier offensichtlich ihre Jahreshauptversammlung ab. Während weniger Sekunden Wegstrecke im Kiefernwaldstreifen hinter den Dünen sahen meine Beine aus als hätte ich die Masern. Da hilft nur eisernes Ignorieren des Juckreizes möchte man nicht später wegen der Kratzspuren in den Verdacht geraten, durch eine Dornenhecke gerannt zu sein. Die Tube Salbe gegen Mückenstiche in meinem Gepäck rettete mir die Nachtruhe.
Der Ostseeradweg verlässt die Halbinsel Darß über den ehemals für die Eisenbahnstrecke aufgeschütteten Damm in Richtung Barth.
Das Wegstück zwischen Barth und Stralsund ist ein Genuss! Man rollt auf asphaltierten Feldwegen entlang an den Bodden- und Wiekufern, kann Wasservögel und Greife beobachten und muss sich Dank guter Ausschilderungen keinerle Gedanken über die Streckenführung machen.
Stralsund durchfuhr ich dem Radweg folgend von Norden nach Süden. Die Pflasterung der Straße zwischen Stralsund und Greifswald ist weniger genussvoll zu befahren. Man fühlt sich wie auf einem Prüfstand für Rüttelfestigkeit.
Auf halber Strecke zwischen den gerade genannten Hansestädten gibt es in Stahlbrode einen kleinen Fähr- und Fischereihafen, von dem aus man die Insel Rügen auf dem Wasserwege erreichen kann. Der Hauptverkehr fließt über die großen Brücken bei Stralsund. Die Fährverbindung hier hat vorrangig touristischen Charakter. Der Campingplatz in fußläufiger Entfernung zum Hafen liegt direkt am Wasser und bietet einen einfachen aber sehr preiswerten Standart. Auch Wasserwanderer sind hier willkommen - man kann gleich vom Campingplatzgelände aus die Boote zu Wasser lassen.
In Erwartung der zweiten Hälfte Rüttelpiste schwang ich mich heute etwas angespannt aufs Rad. Andererseits freute ich mich auf ein Wiedersehen mit der Hansestadt Greifswald. Anfang der 90er studierte meine damalige Freundin dort und ich war - zu der Zeit in Dresden lebend - sehr oft hier am Bodden. Es stellte sich heraus, dass sich Greifswald in den vergangenen zwölf Jahren erheblich herausgeputzt hat! Der Marktplatz erstrahlt mit vielen restaurierten Fassaden, das Hauptgebäude der Universität schmückt ein neu gestalteter Vorplatz. Natürlich gibt es noch viele Gebäude, die offenbar aufgrund unklarer Eigentumsverhältnisse oder mangels Geld weiterhin verfallen. Doch die Stadt macht heute einen sehf viel frischeren und offeneren Eindruck auf mich als noch 1994. Viele der alten Plattenbauten sind - zumindest in der Innenstadt - durch farbige Fassadenanbauten und Balkone aufgelockert dorden. Es machte richtig Spaß, durch die Gassen zu schlendern.
Das Stück Radweg entlang des Ryck war bei meinem letzten Besuch noch im Anfangsstatium des Baus. Heute konnte ich es nutzen, um bei herrlichem Sommerwetter vorbei am historischen Museumshafen dem Ostseeradweg folgend weiter in Richtung Lubmin, Wolgast und Anklam zu radeln.
Zwischen Anklam, wo die Peene in einem Moordelta in Richtung Usedom in das kleine Haff mündet, und Ueckermünde durchstreift der Radweg eine recht ursprüngliche und zivilisationsarme Gegend. In dieser leicht mit Birken durchsetzten Tundralandschaft gibt es außer einem alten, teils verwilderten Kanal (dem Rosenhager Beck) und dem schmalen Sandradweg über 10-15 km keinerlei Anzeichen menschlichen Eingreifens in die Natur. Ich traf auf diesem Abschnitt keine Menschenseele. Kurz vor dem Campinkplatz in Ueckermünde finde ich in Mönkebude einen kleinen Tante Emma Laden und versorge mich mit den Einkäufen zum Abendessen. Mit einem sehr lieben Paar aus Frankfurt an der Oder - er mit Motorrad und sie mit PKW und Kind unterwegs - habe ich mich abends noch lange unterhalten.
Ueckermünde stattete ich heute Morgen noch einen kurzen Besuch ab. Das Frühstück gab's am Hafen, der nur noch wenige Kilometer von der Polnischen Grenze entfernt ist.
Mein letztes großes Etappenziel stand heute auf dem Plan: Der Naturpark Feldberg mit seinen Seen und dem alten Buchenwald in der eiszeitlich geformten hügeligen Landschaft. Die Strecke in Richtung Süd-Südwest war anfangs schwer zu finden. Die Ausschilderung der Radwege war hier unübersichtlich. Einmal habe ich mich über schwer befahrbare Waldwege ordentlich verfranst. Später nutzte ich die sehr wenig befahrenen Bundesstraßen. So war das Fortkommen und die Orientierung leichter und Dank der sehr geringen Verkehrsdichte auch angenehm zu fahren.
Wie erwartet wurde die Landschaft zunehmend reizvoll und hügelig. Die Namen auf der Landkarte bestätigen den Eindruck: Schanzen Berg", "Rosenthal", "Helpter Berge", "Friedrichshöh". Doch schon der erste Ausblick auf einen der Feldberger Seen bei Fürstenwerder entschädigte für die Mühen der bis hierher zu erklimmenden Höhenmeter. Für den, der Wald und Wasser liebt, kann es kaum etwas Schöneres geben als diesen Naturpark.
Entlang des Breiten Luzin, vorbei an der Einfahrt zum dortigen Campingplatz, erreichte ich am Nachmittag den Haussee und das Städtchen Feldberg. Auf meiner Suche nach einer festen Unterkunft für die kommenden Tage fiel meine Wahl schnell auf ein großes, altes Fachwerkhaus am Ufer des Amtswerder, der Halbinsel im Haussee. Hier begann im 13.Jh. die Besiedelung und die Gründung der Stadt Feldberg mit dem Bau einer Grenzburg, deren Turmstumpf noch heute steht und deren Kellergewölbe ebenjenem Fachwerkhaus noch heute als Fundament dienen. Das Drostenhaus - früher Amtssitz fürstlicher Verwaltung - ist seit 2000 wieder in Familienbesitz und wurde seitdem komplett neu restauriert und geschmackvoll eingerichtet. In einer dieser Ferienwohnungen hatte ich das Glück die letzten fünf Tage meines Urlaubs wohnen zu können. Blick auf den Haussee, Frühstück auf der Terasse am Seeufer, Bootsverleih und nicht zuletzt die sehr angenehme und persönliche Betreuung durch die Wirtsfamilie sind ein paar Eckdaten der Entspannungsphase nach den vielen Fahrradkilometern der vergangenen zwei Wochen. Da das Zimmer erst ab Sonntag für mich frei wurde, nächtigte ich noch einmal im Zelt, das diesmal auf einem Hügel mit Blick über den Breiten Luzin stand.
Für die Rückfahrt nach Aachen brauchte ich ein Bahnticket. Da der Gleisanschluss von Neustrelitz nach Feldberg leider nicht mehr existiert, musste ich also in die ca. 30km westlich von Feldberg gelegene Stadt fahren, um mich am dortigen Bahnhof über die Verbindungen zu informieren und mir für den folgenden Freitag eine Fahrkarte zu kaufen. Für den Hinweg nutzte ich bewusst die Bundesstraßen, um ein Gefühl für Länge, Beschaffenheit und Verkehrsdichte der Strecke zu bekommen.
Neustrelitz hat im Innern der Stadt eine beinahe mediteranes Flair. Helle Fassaden an breiten, sternförmig vom zentralen Marktplatz wegführenden Chausseen und der großzügige Schlosspark mit seinen weißen Skulpturen und der Orangerie unterstützen diesen Eindruck. Das Schloss selbst steht seit den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges nicht mehr - es fiel einem Brandanschlag zum Opfer. Die Orangerie allerdings steht noch heute. Sie beherbergt ein Restaurant, von dessen Terasse aus ich während des Mittagessens den schönen Blick auf den Schlossgarten genoss.
Auf dem Weg durch die Stadt erstand ich noch ein Buch des Schriftstellers Hans Fallada. Auf der Reise hatte ich schon zwei Bücher von ihm gelesen. Das dritte Werk in meiner Fahrradbibliothek hieß "Heute bei uns zuhaus". Er beschreibt darin die Jahre seines Familienlebens in Carwitz, einem kleinen Ort 6 km von Feldberg entfernt am Carwitzer See.
Der Rückweg von Neustrelitz nach Feldberg sollte mich über eine alternative Strecke abseits der Bundesstraßen über unwegsame Sandpisten und Waldwege führen. Gut, dass ich diese Wege nicht mit Gepäck habe fahren müssen.
Dummerweise war ausgerechnet heute - Montag - das Hans Fallada Haus geschlossen, das man an den anderen Wochentagen besichtigen kann. So habe ich bei meinem Schlenker durch Carwitz sein Haus nur von außen sehen können. So habe ich ein weiteres lohnendes Ziel für einen zukünftigen Besuch in dieser Gegend behalten.
Einen Ausflug per Boot auf die Seen wollte ich mir aber nicht für die nächste Reise hier her aufheben. Am Mittwoch lieh ich mir gleich nach dem Frühstück einen Kanadier vom Haus und legte ab. Im Vergleich zu den Faldbooten von Pouch, die hier auf den Seen sozusagen "zuhause" sind, ist der Kanadier natürlich eher unbequem und - gerade wenn man allein fährt - umständlich zu navigieren. Doch für einen Ausflug über den Haussee, den Breiten Luzin bis in den Schmalen Luzin reichte er allemal. Der Schmale Luzin ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Hier sind jegliche Verbrennungsmotoren vom See verbannt, was nicht nur der Natur sondern auch dem Zauber des Sees mit seinen mit alten Buchen bewaldeten Ufern und seiner türkisen Färbung sehr gut tut.
Der Tag der Abreise brach mit einem Gewitter an. Es goss in Strömen während ich die letzten Sachen in die Packtaschen verstaute und mein Fahrrad für die letzten 35km zum Bahnhof belud. Na, wenigstens war der Regen warm. Ich verabschiedete mich vom Wirtsehepaar und trieb mein Rad über die vor ein paar Tagen ausgekundschaftete Route nach Neustrelitz. Nach knapp 1,5 Stunden erreichte ich den Bahnhof und ... es hörte auf zu regnen. Gutes Timing! =;)
Die Zugreise mit Umstiegen im neuen Berliner Hauptbahnhof, Minden und Dortmund verlief ohne außergewöhnliche Zwischenfälle. Dass man mit bepackten Fahrrad einen Zug, der mit 4 Minuten Umsteigezeit im Dortmunder Hauptbahnhof als Anschluss dienen sollte, nicht erreicht, ist nicht weiter verwunderlich. Da die Regionalbahnen hier stündlich fahren, war das aber auch kein Beinbruch. Abends begrüßte mich Aachen mit Sonnenschein.
| [ Letzte Änderung am 02.07.2006 | Inhalt & Gestaltung © Robert Hecht ] |